Samstag, 26. Oktober 2013

Ein Ausflug nach Brasilien



Als erstes bin ich sauer auf mich, auf meine trainierte Wahrnehmung, mein assoziatives Denken, meine mediale Beeinflussung…halt dem Gesamtkonstrukt meines Denkens und der Interpretation meines Inputs. Worauf will ich hinaus?

Der Titel „Daytripper“. Ich weiß genau wieso ich zu dem Schluss kam und frage mich trotzdem nach dem Grund. Als ich mir den Band zugelegt hatte ging ich felsenfest von einer Vampirgeschichte aus. Daytripper - Daywalker - Vampir. Für mich eine vollkommen logische Schlussfolgerung. Pah denkste!
Was ist es nun für ein Band? Ganz einfach eine Geschichte die dir die Augen öffnet!

Es ist sind 10 Geschichten um den Autoren Brás de Oliva Domingos. 10 Geschichten, die alle mit seinem Tod enden. 10 Geschichten, die immer tragischer werden und 10 Geschichten, die mich heulend in der S-Bahn zurückließen. Die Hauptfigur ist Sohn eines berühmten Schriftstellers und hat selbst eine Idee für einen Roman. Anfänglich findet er nicht den Elan diese Idee aufzugreifen und verdient sich seine Brötchen mit dem Schreiben von Nachrufen für eine Tageszeitung, doch so beginnt nur das erste Kapitel. Es ist ein Ausschnitt aus einem Lebensabschnitt. Brás ist allein. Er ist mitten in der Selbstfindung. Ohne Freundin, abgekapselt von der Familie, dem berühmten Vater im Nacken und doch so weit von ihm entfernt, sodass er sich erst einmal in einer Bar einen Drink genehmigen muss bevor er zur Verleihung eines Preises für dessen Lebenswerk gehen kann und dann wird er dort brutal von einem verzweifelten jungen Vater niedergeschossen, der nur etwas Geld von seinem Onkel haben wollte und du als Leser sitzt wie erschlagen vor dem Band, starrst auf die Blutlache.    

Das Konzept der brasilianischen Zwillinge Fabio Moon und Gabriel Bá ist so simpel wie genial. Sie lassen ihren Protagonisten in verschiedenen Altersstufen und Lebensphasen sterben. Mit jedem Kapitel lernen wir als Leser sein Umfeld, seine Freunde, seine Familie und die Hauptfigur besser kennen. Selbstverständlich hätte man auch verschiedene Figuren und Szenarien nehmen können um jeweils die Hauptfigur sterben lassen zu können, aber dies hätte beim Leser keinen derartigen Eindruck hinterlassen. Man lernt Brás Schritt für Schritt kennen, kann sich mit ihm und seinen Handlungen identifizieren und obwohl man sich dem Konzept spätestens nach dem zweiten Kapitel bewusst ist, kann man um ihn trauern. Immer wieder. Was für ein geniales Konzept.

Mein Gehirn spielte natürlich nach der ersten Episode weiterhin mit mir das Verwirrspiel und ich erwartete im zweiten Kapitel die Auferstehung Brás als Vampir. Das machte mir die zweite Episode zur Qual, denn hier springen wir in die Zeit zurück. Der junge Brasilianer ist mit seinem besten Freund auf einen Trip nach dem Studium durch Südamerika. Die Beiden wollen das Land erkunden, Eindrücke sammeln bevor das Leben mit aller Härte, allen Verpflichtungen beginnt. Hier betreten wir als Europäer und ich als überzeugter Atheist im Speziellen unbekannte, nicht greifbare Gefilde. Ba und Moon zeichnen eine mystische Welt, in welcher der Tod nur eine weitere Phase des Lebens ist, eine weitere Ebene und ringsherum sind religiöse Rituale und Bräuche, die fremdartig wie sie sind, einfach nur beeindrucken, mitreißen und den Leser am Ende sprachlos zurücklassen. Manche Episoden strotzen so vor Metaphern, Wertvorstellungen, moralischen Ermahnungen, Ethos und überzogener Sprache, dass es gar kitschig wirkt und dann steckt die Figur wieder mitten im Alltag und die Sprache passt sich dementsprechend auch an. Es ist ein Wechselbad der Gefühle. Bá und Moon können mit der Sprache umgehen und die Übersetzer haben offensichtlich sehr gute Arbeit geleistet.
Doch eines können die beiden Brasilianer noch einen ticken besser: zeichnen! Die Bilder, die von Emotionen entgleisten Gesichter, Landschaften, Schattenspiele und der Panelaufbau sind dermaßen gut gelungen. Sie bringen einem Südamerika und speziell Brasilien ein Stück näher. Die beiden lieben ihre Heimat, leben heute noch in Sao Paulo, obwohl sie inzwischen ihre Brötchen mit US-Comics verdienen, aber hier finden sie ihre Inspiration. Die belebte Großstadt, das unerschlossene Hinterland, von Palmen bis zu den Berglandschaften, einfach alles spiegelt ihre Heimat wieder. Die Straßen sind durchzogen von Oberleitungen. Dieses für uns Deutsche archaische Element einer frühen, noch nicht abgeschlossenen Urbanisierung nutzen die beiden Künstler als Stilmittel, als Formgeber für das Panel und gleichzeitig ist es alltägliche Umgebung, die sie einfach nur geprägt hat. Es gehört zum Stadtbild und wird ihnen eventuell gar nicht sonderlich auffallen. Daneben finden wir auch andere Elemente, die typisch brasilianisch sind, typisch realistisch sind, aber oft in Geschichten egal in welcher medialen Form immer mehr unterschlagen werden. Die Protagonisten rauchen. In Hollywood darf das im Ausnahmefall nur noch der Bösewicht. Selbst die FSK ratet Filme heutzutage höher wenn der Gute rein aus Genuss im Film raucht. Hier ist es Alltag ohne Kritik, Wertung, ohne Thematisierung, aber mir fällt es einfach auf, weil es inzwischen nicht mehr den alltäglichen Sehgewohnheiten beim Medienkonsum entspricht. Somit wird der Comic auch zu einer Art Zeitzeugnis.

Der Band Daytripper ist grandios geworden, eine Achterbahn der Gefühle und künstlerisch extrem hochwertig, doch er hat einen Vorgänger aus dem die ursprüngliche Idee entstanden ist. „De: Tales – Stories From Urban Brazil“. Diese Sammlung ist inzwischen auch auf Deutsch bei Cross Cult erschienen und hat starke autobiographische Züge. Es geht nicht darum eine große Geschichte zu erzählen, es bestehen zwischen den Geschichten auch keine inhaltlichen Zusammenhänge, es sind einfach nur kleine Auszüge aus dem Alltag der beiden Zwillinge. Ich habe bereits oft erwähnt, dass ich schwarz/weiße Comics bevorzuge, da ich hier die künstlerische Qualität eines Zeichners besser beurteilen kann. Da ich nun Daytripper in seiner Farbenpracht zuerst gelesen habe, wird dieses Kriterium zunichte gemacht. Die Kolorierung ist so liebevoll, so unaufdringlich und trotzdem mit einer beeindruckenden Tiefe. Sie lässt die Zeichnungen der Figuren, der Strukturen ihren Platz, sie bleiben im Vordergrund, bleiben das Hauptaugenmerk. 

Bei „De: Tales“ vermisst man die Farben dann geradezu, was ein Satz ist, den ich weder von mir jemals geäußert gar niedergeschrieben lesen hätte wollen und auch nicht dem Band gerecht wird.  Die kurzen Episoden vermitteln das Lebensgefühl der Jugend in Brasilien. Ein kleiner Einblick in den Alltag der beiden Künstler und für den interessierten Leser eine Möglichkeit Bá und Moon in ihrer Arbeit vergleichen zu können. Ihr Stil ähnelt sich schon immens und doch unterscheidet er sich für das geschulte Auge offensichtlich. Sie selbst arbeiten in einem gemeinsamen Studio und die Arbeit schein Hand in Hand zu gehen. Einer schreibt die Episode, der andere zeichnet sie oder anders herum. Offenbar arbeiten sie nie gemeinsam an einem Panel, dies wird strikt getrennt, doch sie wechseln sich bei Episoden ab und erst wenn man gezielt darauf achtet, fällt es einem auf. Es fließt in einander über. Bei „De: Tales“ bieten Gabriel Bá und Fabio Moon dem Leser die Vergleichsmöglichkeit. Beide zeichnen dieselbe Episode „Reflections“ und es wird zum Zwang hin und her zu blättern. Fabio hat also so das Panel aufgebaut und Gabriel zeichnet so die Schatten. Immer wieder vor und zurück, doch am Ende konnte ich zwar unterschiede erkennen, aber keineswegs eine Wertung abgeben. Es verleitet zum Benoten, doch bei mir blieb nur ein Fazit: … ich will mehr von Bá und Moon!
Fábio Moon und Gabriel Bá bei Modern Graphics in Berlin

Im Künstlergespräch von Lars von Törne im Modern Graphics mit Bá und Moon erwähnten die beiden eine besondere Aktion. Während der Massendemonstrationen in Brasilien veröffentlichten die beiden auf ihrem Blog Comics, welche die aktuelle politische Lage, die Aufstände und die Hintergründe thematisierten. Andere brasilianische Künstler schlossen sich an und in kurzer Zeit entstand sogar ein Buch. Dieses Zeitdokument würde ich gerne mal sehen. Dieses Zeitdokument verdient breite Öffentlichkeit!

Links sind zum Klicken da!

Kommentare:

  1. Wow, jetzt bin ich neugierig geworden. Werde da demnächst mal einen Blick rein werfen. Danke für den Tipp!

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  2. Ich weiß zwar nicht, ob mir das Konzept zusagen würde, aber Daytripper hört sich nicht uninteressant an! :)

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