Sonntag, 26. Mai 2013

Comicreview: Die Toten 4



Die Toten aus dem Hause Zwerchfell sind zurück. Wie bei jeder Ausgabe bin ich gespannt auf die Geschichten und das Artwork. Gerade die Geschichten machen es bei dieser Zombie-Reihe aus, denn wie geht man in einem schusswaffenlosen Deutschland mit den Untoten um? Hier muss man kreativ sein. Ich verfolge die Reihe seit ihrem Anfang und bin schlagartig Fan geworden. 

Es ist auch nicht einfach nur meine Neigung zu Zombies, sondern die Umsetzung hat es mir angetan. Wechselnde Autoren und Zeichner bringen Abwechslung in die Kurzgeschichten. Jeder der Künstler geht auf seine Weise an das Thema Zombieseuche in Europa heran. Die Bände erscheinen im Hardcover und die Geschichten sind episodisch ohne inhaltlichen Zusammenhang oder bestimmten Figuren erzählt. Sie haben nur eines gemeinsam: die Epidemie ist in Deutschland ausgebrochen und die Zeit schreitet voran. Die im Tagebuchstil gehaltenen Titel umfassen immer einen bestimmten Zeitabschnitt. Der aktuelle vierte Band wird durch Zwerchfell als Z2.1 betitelt, was wohl als zweite Staffel zu interpretieren ist. Er umfasst die Zeitspanne 13.03.2010 bis 07.11.2010 und spielt ein Jahr nach dem Ausbruch der Seuche.

15.10.2010
Die erste Geschichte ist von Henning Mühlinghaus, der mir bis zu diesem Buch kein Begriff war. Seine Geschichte kann sich aber wirklich sehen lassen und dabei spreche ich nicht von Laskas Artwork, sondern von der Story selbst. Es dreht sich um eine Familie, welche sich einer Gruppe angeschlossen hat, die an den Gleisen Richtung zombiefreie Schweiz unterwegs ist. Betitelt wurde die Geschichte mit „Rauhebergtunnel“. Dieser Tunnel wird Zentrum der Geschehnisse mit einem vorhersehbaren Ablauf, aber Mühlinghaus setzt in seiner Episode einen geschickten Kniff mittels einer nebenherlaufenden Handlung ein. Hierzu verrate ich nicht mehr, denn der Lesespaß soll euch erhalten bleiben. Nur so viel: Hat dem Nerd2.0 äußerst gut gefallen!  Der Autor arbeitet mit wenig Dialog und konzentriert sich auf erzählerische Gedankenkästchen. Somit bringt er viel Hintergrundstory ein. Auf dem ersten Blick kann es etwas erschlagend wirken, aber es lohnt sich.
Wie die Zombies erschlagen werden bringt Laska mit seinen Zeichnungen von Hennings Geschichte auf Papier. Der Stil hat stellenweise was mangaeskes, was hier (ausnahmsweise) nicht Negatives ist. Ich stehe halt nicht auf Manga und stehe dazu. Laskas Zombies sind schon schräg und grün und kommen hier in Herden vor und das Schaffner von der Deutschen Bahn Zombies sind, war mir vorher eigentlich schon klar. Jedenfalls kann man hier nicht meckern. Die Geschichte ist rund, die Zeichnungen schön und somit ein sehenswerter Einstieg in den vierten Band.  
13.03.2012
Diese Geschichte von Christopher Tauber (basierend auf Ingo Römlings Ideen) ist bereits 2011 zum Gratis Comic Tag erschienen. Dieses Heft war wohl der Renner im letzten Jahr und war bei den meisten Shops als Erstes vergriffen. Wer das begehrte Heft nicht ergattern konnte, der bekommt in diesem Band diese Ausgabe mitgeliefert. Zum Artwork von Ingo Römling muss ich wohl kaum etwas sagen, denn ich liebe es. Aktuell von ihm ist Malcolm Max beim Splitter Verlag erschienen. Meine Lobhymnen auf diesen Comic findet ihr hier und hier. Diese Geschichte von Römling ist in schwarz/weiß gehalten und nur das Blut bietet ein Farbtupferl. Hierdurch wird die Grausamkeit hinter einer Zombieseuche erst richtig deutlich und bietet den notwendigen Gegensatz zur Story.

Die Geschichte dreht sich um Nina, ein Mädchen welches sich in einer Schule verschanzt hat. Sie ist in eine Phantasiewelt abgedriftet, was wohl ein nachvollziehbarer, psychologischer Schutzmechanismus in einer solchen grauenhaften Situation ist, doch wie lange kann sie diese Welt aufrechterhalten?
07.11.2010
Mit der dritten Geschichte habe ich etwas gehadert. Ich finde die Idee dahinter sehr gut und auch die Kritik an der Sinnlosigkeit von Religionskriegen, jedoch haben wir alle die Auswirkungen erlebt als in Dänemark Mohammed Karikaturen in Tageszeitungen veröffentlicht wurden. Soweit ich weiß muss der Zeichner bis heute von der Polizei geschützt werden, da immer noch ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt ist.

Ich weiß aber auch den Mut vom Verleger, Autor und Zeichner zu würdigen trotz aller Widrigkeiten, trotz des zu erwartenden muslimischen Shitstorms diese Geschichte so zu bringen. Als Verfechter von freier Meinungsäußerung, egal welcher Art, kann ich den Druck nur gutheißen. Ich lebe nach der preußischen Art „Jeder nach seiner Fasson“. Ohne groß auf den Koran eingehen zu wollen bleibt mir hier nur ein Satz zu diesem Thema: Der Koran verbietet das Morden und du landest genauso in der Hölle wie jeder Christ und ob es da Jungfrauen gibt wage ich zu bezweifeln!
Zurück zum Inhalt der dritten Geschichte und weg von der moralischen Keule. Die Geschichte stammt aus der Feder von Matthias Dinter, der zum einen mit der Gewohnheit des Menschen selbst im Stadium eines Zombies spielt. Dieses Element kennt man aus diversen Horrorfilmen, allen voran Romeros Klassiker „Dawn of the Dead“, in welchem es die Zombies zum Supermarkt treibt. Hier in Köln nutzen Attentäter einen Angestellten vom Verfassungsschutz, der selbst als Zombie in einer gewissen Regelmäßigkeit seinen Arbeitsplatz besucht als untoten Selbstmordattentäter. Witziger Ansatz, der aber zugleich auch die Sinnlosigkeit der Tat offenbart. Was nützt es ein Regierungsgebäude zu sprengen, in einem Land ohne Regierung und ohne Menschen darin? Dinter lässt die Protagonisten über das Für und Wider diskutieren, offeriert Lösungsvorschläge, Ansätze zum Verständnis und reißt alles wieder nieder. Zugleich zeigt er wie die Terrorzellen organisiert werden, wie aufwändig die Geheimhaltung und Ausbildung ist, aber auch wie unterschiedlich die Motivation der von der Führung zusammengestellten Gruppe ist.
Die Geschichte ist gut, sie ist realistisch, zu realistisch? Erst gestern wurden wieder Terrorwarnungen zum Championsleaguefinale ausgesprochen, erst vor wenigen Wochen wurde ein Attentat auf den Bostoner Marathonlauf verübt. Terror begleitet uns seit mehr als einem Jahrzehnt tagtäglich. Die Medien konzentrieren sich auf den Terror des Islam. Sicher sind von dieser Seite viele Opfer verursacht worden, doch niemand spricht offen über die Anzahl der Opfer von Rechts. NSU ist nur die Spitze des Eisberges. Ich selbst musste mehrfach um mein Leben in Potsdam und Brandenburg an der Havel rennen. Mir läuft während ich dies schreibe der Angstschweiß über die Stirn. Wieder höre ich die Springerstiefel von gut einem Dutzend Glatzköpfen und dazu der der Takt von meiner Pedale die an das Kettenschutzblech schlägt. Mein Herz rast…

Terror ist allgegenwärtig. Warum? Mit welchem Ziel? Zu welchem Preis? Matthias Dinter spielt mit den Klischees und erfasst trotzdem die Realität. Sind die Täter wirklich gläubige Muslime oder selbst nur Opfer einer Gehirnwäsche? Denken Attentäter noch nach oder folgen sie einer Programmierung? Ebenso kann man es auf jeden Attentäter münzen. Der Islam dient hierbei nur als Beispiel, als offensichtliches Bild aus unserem medialen Alltag. Ich hoffe das die Prediger in den Moschees dies ebenso verstehen.

Der Zeichner ist Herr M. den ich persönlich sehr schätze. Warum genau er hier seinen Namen abkürzt ist wohl offensichtlich und daher lasse ich an dieser Stelle die direkte Benennung. Er hat seine Zeichnungen in sehr grob und vierfarbig (schwarz, weiß, rot und grün) gehalten. Sie bilden wieder einen Kontrast zu den beiden vorherigen Geschichten. Großflächig koloriert bilden die nuanciert eingesetzten Farben die Kontraste, während die Figuren mit einfach wirkender Strichführung markant, aber nahezu detailfrei daherkommen. Es ist eine Kunst so zu zeichnen. Die Panel sind wild angeordnet und bilden trotzdem einen Lesefluß. Herr M. spielt mit den Bildern, lässt sie ineinander übergehen, lässt sie für sich sprechen und unterstützt trotzdem in Perfektion den dazugehörigen Text. Bis auf wenige Ausnahmen könnte die Geschichte auch ohne den Text funktionieren. Man würde sie verstehen und das ist bewundernswert. Somit kann man den Text von Dinter als Mehrwert betrachten, als zusätzliche Information und das ist für mich Comic!

Fazit
Wieder bin ich vollends bespielt worden. Ein Comic wie er sein muss. Vielfältig, spannend, krativ … ach … Was soll ich sagen? Er fügt sich nahtlos in die Reihe ein und zeigt wieder deutlich von welcher hoher Qualität die deutsche Comicszene momentan ist. Sie kann sich international messen und „Die Toten“ kann man als Aushängeschild nur jedem ans Herz legen. Nur wisst ihr was so grauenhaft an dieser Reihe ist: die Wartezeit bis zum nächsten Band!    

Sketchcover von Stefan Dinter
Anhang
Vor kurzem war die Comicinvasion in Berlin. Ein relativ junges, aber äußerst sympathisches Festival. Hier war auch der Zwerchfellverlag extra aus Stuttgart angereist, hat sein Programm präsentiert und Bücher mit Sketche veredelt. Ich konnte es mir natürlich nicht nehmen lassen vom Erfinder der Toten Reihe mir ein Sketchcover von The Walking Dead verschönern zu lassen. Wer mal einen Blick auf das Festival werfen will, dem sei folgendes Video empfohlen, welches ich für die Micomics-Reihe „durchgeblättert“ produziert habe.




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