Dienstag, 12. März 2013

Comicreview: The Nobody von Jeff Lemire



Jeff Lemire wird momentan von DC für alles Mögliche verheizt, doch seine eigenen Werke sind immer noch die besten. Ich habe mir dieses Mal „The Nobody“ zu Gemüte gezogen und bin wieder begeistert. Lese, lesen und nochmal: LESEN!!!

Large Mouth ist ein kleines, verschlafenes Kaff in den Staaten, welches sich selbst als „Heimat des größten Barschs der Welt“ betitelt. Eigentlich sagt das Ortseingangschild des Nestes bereits alles, was wir über es wissen müssen. Eines Tages zieht ein von Kopf bis Fuß einbandagierter Typ seines Weges und kreuzt in Large Mouth auf. Wir schreiben das Jahr 1994 und der mysteriöse Fremde nennt sich John Griffen. Er mietet im Motel ein Zimmer und schließt sich darin ein. Nächtliche Spaziergänge und sein mumienhaftes Aussehen sorgen für ein neues Stadtgespräch. Das Zentrum von Large Mouth ist das Diner. Hier bestellt sich Griffen sein Essen und dort lernt er auch die sechzehnjährige Tochter des Besitzers kennen. Sie ist neugierig und schließt, wenn man es so nennen will, Freundschaft mit Griffen. Nach und nach versucht sie mehr über den zurückgezogen lebenden Fremden herauszufinden. Wer ist er? Was arbeitet er? Warum ist er von oben bis unten in Mullbinden gewickelt? Griffen bleibt verschlossen und nur vage kommt man als Leser dem Geheimnis hinter den Mullbinden auf die Spur.


Die Zeichnungen von Lemire sind wie immer etwas wild, grob und ungeschliffen, aber gerade das gefällt mir an seinem Stil. Nichts ist glattgebügelt. Menschen und Gegenstände haben Ecken und Kanten. Es wirkt auf dem ersten Blick skizzenhaft und unfertig, doch warum weiter ausgestalten, wenn das Bild den zu vermittelnden Inhalt rüberbringt? Letztendlich kann man von einem schwarz/weißen Comic sprechen, der mit hellen Blautönen verziert wurde. Keine Spielereien, keine Schnörkel, ehrlich und direkt. Reduzierte Sprache, reduzierte Geschwindigkeit, reduzierte Story. Alles scheint, als würde Lemire auf der Bremse stehen und insgeheim mit dem Vollgas spielen. Der Leser erwartet, dass jeden Moment die Bombe platzt. Man blättert weiter und kneift die Augen zusammen…jetzt?… jetzt?...jetzt?...

Lemire spielt mit den Erwartungen des Lesers. Ist es dies oder jenes? Ist der Hauptcharakter nicht so wie… oder dann doch eher wie…? Ich will/kann nicht weiter ins Detail gehen, doch eigentlich ist Griffen eher wie… nee…heute keine Spoiler von mir. Lest doch einfach den Comic. Aber seien wir ehrlich, ihr seid doch schon längst darauf gekommen. Na klar dreht es sich um H.G. Wells Klassiker „The Invisible Man“. Der Unsichtbare ist wohl eine meiner Lieblingsgeschichten, denn es zeigt die Tragödie hinter einer Eigenschaft, die man sich so manches Mal wünscht und die Konsequenzen dahinter schnell vergisst. Griffen ist unsichtbar und dies wird auch dem Leser ziemlich schnell klar. Trotzdem zieht Lemire mit seiner langsamen Erzählweise durch. Ihm ist bewusst, dass der der Leser bereits darauf gekommen ist, was mit seiner Hauptfigur passiert ist, doch er ignoriert es. Im ersten Moment dachte ich ob Lemire mehr dahinter verpacken will, doch ihm ging es allein um den Erzählrhythmus. Das Dahinsiechen des Kaffs, die stehen gebliebene Dorfgemeinschaft und die Hilflosigkeit von Griffen sind eins das Drama nimmt langsam seinen Lauf. Ein unheimlicher Fremder in einer Kleinstadt schreit nahezu nach einem sensenschwingenden Mob.

Panini hat den Band im Hardcover, aber etwas verkleinert als die originale Ausgabe von Vertigo  veröffentlicht. Es schadet keineswegs, es macht den Comic eher handlicher ohne große Verluste zu verursachen, wie es manchmal bei Cross Cult der Fall ist. Hier fehlen auch nur 2cm. Während die US-Ausgabe mit Schutzumschlag aufwartet legt Panini mehr Wert auf Papierqualität und Bindung. Der feste Einband und das griffige Papier prädestinieren den Band nicht nur für einen dauerhaften Platz im Regal, sondern sichern mehrmaligen Lesespaß ohne das einem das Buch irgendwann auseinanderfleddert.

Ich werde mir jetzt mal noch die Essex County Trilogie besorgen müssen, die ich bis jetzt immer vor mir hergeschoben habe.
 
Hier findet ihr eine Leseprobe

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