Dienstag, 14. Februar 2012

Comicreview: Lästermaul & Wohlstandskind - Neue Berliner Geschichten


Im Berliner Tagesspiegel erscheint monatlich ein kurzer Comicstrip von Tim Dinter mit dem Titel „Lästermaul & Wohlstandskind - Neue Berliner Geschichten“ und der Avant Verlag hat diese in einem edlen Sammelband zusammengefasst.
Der gebürtige Hamburger Tim Dinter ist bei seiner Weltenbummelei in Berlin hängen geblieben und der gelernte Comiczeichner hat sein geschärftes Auge auf die kleinen Alltagsprobleme geworfen und seinen Zeichenstift gezückt. Rausgekommen sind kurze, prägnante und wahrscheinlich oftmals autobiographische Geschichten. Die Figuren“ Lästermaul“ und „Wohlstandskind“ sind zwei sympathische Berliner kurz vor der Midlifecrises mit den ersten Anzeichen einer Großstadtdepression.  Keine Angst, die trifft jeden einmal und lässt sich mit Porsche, Kaufsucht oder einem jüngeren Partner überwinden. Beide sind im Berufsleben noch nicht angekommen. Die Frau im Bunde schwankt zwischen Dauerpraktikum, Arbeitslosigkeit, leerer Geldbörse und ständiger Partnersuche, der Andere ist glücklichen verbandelt, kämpft sich jedoch durch die selbständig, aber unglücklich durch die Wirtschaftskrise. Die Beiden treffen sich oder telefonieren regelmäßig und palavern über ihre Probleme mit dem System, dem Beruf, die Flucht von Berliner vor den Touristen, Weihnachtsgeschenkeumtauschshopping, von Myspace bis Facebook oder einfache Belanglosigkeiten. 


Das Buch im edlen Hardcover hat für mich nur ein kleines Manko: mir fehlt der Berliner Dialekt. Der Hamburger und seine Gesprächspartnerin sprechen im feinen Hochdeutsch und sind somit entweder als Kunstfiguren entlarvt, der „kultivierten“ Leserschaft des Tagesspiegels angepasst oder sollen hinzugezogene Mitteyuppies darstellen. Alle drei Variationen gehen mir gegen den Strich. Wenn ich schon beim Zeichnen bin, dann greife ich das doch gleich mal mit auf und muss sagen, dass dit mir jut jefällt. Berlin ist an vielen Stellen deutlich zu erkennen, sei es der Fernsehturm, Mitte oder Kreuzberg. Gerade die überspitzt dargestellten Emotionen der Figuren überzeugen vollends. In den 50 Geschichten umfassenden Band entwickeln sich die Charaktere, bekommen nach und nach einen Hintergrund und eine Biographie. Seit mittlerweile 6 Jahren läuft die Reihe in der Sonntagsausgabe. Im wöchentlichen Rhythmus wechselt sich Tim Dinter mit Arne Bellsorf, Mawil und Flix ab. Der Tagesspiegel ist mir gerade durch die gut recherchierten Rezensionen über Comics, ähh massentauglich Gräfick Nowels genannt, gefallen. Eine Zeitung habe ich mir bisher nur im Urlaub gekauft, denn dort steht meistens nur das was ich tags zuvor im Internet gelesen bzw. bereits wenige Minuten nach den Geschehnissen getwittert bekommen habe. Die Qualität des Comicstrips in einer Tageszeitung konnte ich daher nie beurteilen und habe anscheinend nach Charlie Brown und Garfield einen erheblichen Entwicklungsschub verpasst.



Das widescreenförmige Querformat der 2006 bis 2010 erschienen Geschichten ist keineswegs S-Bahntauglich, aber das ist der Tagesspiegel erst ebenfalls nicht. Die aktuellen Strips sind hier auf Tim Dinters Sonntagsseite zu sehen. Reinschauen lohnt sich.

PS an alle richtjen Berliner: diese Review jibts auch hier bei micomics uff Dialekt. Also kiek mal rinn.  

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