Sonntag, 12. Februar 2012

Comicreview: Die Menschenfabrik

Meine Lieblingscomicverkäuferkatze begrüßte mich mal wieder mit seiner Topempfehlung der Woche. Dieses Mal war es „Inferno“ von Michael Meier. Ich konnte mich nicht überwinden, aber hier gibt mich ein guter Verkäufer natürlich nicht auf und so hatte ich „Die Menschenfabrik, Meiers Erstling und Abschlussarbeit für das Kasseler Kunststudium im Einkaufswagen. Wie so häufig sind Quitzis Empfehlungen keineswegs Grober Unfug. Der Comic „Die Menschenfabrik“ hat eine Kurzgeschichte des Schriftstellers und Querdenkers Oskar Panizza als Grundlage und Meier hat damit auf der Frankfurter Buchmesse 2009 die „Best Comic Newcomer“ Auszeichnung gewonnen. Mal sehen ob der Preis verdient ist.
 Die Geschichte beginnt mit einer Irrenanstalt. Eine rechte gute Ausgangslage, denn von diesem Ort aus kann alles geschehen und auch nichts. Seitdem ich erstmals Milos Formans „Einer flog über das Kuckucksnest“ mit dem grandios spielenden Jack Nicholson gesehen habe finde ich diese Art von Krankenhäusern faszinierend wie grauenhaft. In Meiers Werk wird eine verwirrte Person eingeliefert, welche am Straßenrand aufgegabelt wurde. Im Gespräch mit dem Psychologen wird schnell deutlich, dass sich der neue Patient nicht im Klaren ist, was genau er letzte Nacht erlebt und ob es tatsächlich real war. Er ist mit seinem Mofa mangels Treibstoff liegengeblieben und desnachts vor einem Fabrikgebäude gelandet. Trotz der späten Stunde klingelt er und wird auch eingelassen. Der Fabrikdirektor führt den Gast durch das Werksgelände und offenbart ihn sein Produktionsgut: Menschen ohne freien Willen und mit im Voraus festgelegten Merkmalen, Fähigkeiten und auch Kleidung. Es beginnt eine Führung durch Moral, ethische Grundwerte, Religion und die Frage nach dem, was einen Menschen tatsächlich ausmacht.


Ich muss zugeben, die literarische Vorlage zu diesem Comic nicht zu kennen, jedoch finde ich den Ansatz des Themas fabelhaft. Interessant finde ich, dass eine über 100 Jahre alte Geschichte das heutige moralische Dilemma des Klonens sowie Pränataldiagnosenstellung zur Vorauswahl des genetischen Gutes vorwegnimmt. Der Autor Panizza war selbst als Assistenzarzt in einen Klinik für Geisteskrankheiten tätig und sich dem Zukunftsproblem der Menschheit anscheinend durchaus bewusst. Zu dieser Zeit waren auch Themen wie Rassenunterschiede weit verbreitet und auch noch in den intellektuellen Kreisen gesellschaftlich vertretbar. Meier greift die heutige Problematik mit keiner Silbe auf, sondern hält sich entweder an die Vorlage oder belässt es bei seiner parabelhaften Anspielung. Beides ist mir recht, denn nicht immer muss es auf die brachiale Art sein. Die Aussagen sind eindeutig genug, um sich ein eigenes Bild von seinem eigenen moralischen Verständnis zu machen. Die Wertung findet durch die Hauptfigur, dem Gast in der Fabrik statt. Er befindet sich beim Rundgang im Streitgespräch mit dem Fabrikanten, der nicht nur sein Produkt Mensch verteidigt, sondern auch die menschliche Rasse und ihre Eigenschaften diskreditiert. Der Besucher findet sich in einem Labyrinth aus Fabrikräumen und innerlichen, moralischen Irrwegen wieder. Er kommt zu einem Punkt an dem er nicht mehr zu argumentieren weiß und aus dem innerlichen Zwist sowie vor äußerlichen Eindrücken zu fliehen versucht.



Die Frage nach dem perfekten zukünftigen Menschen ist schwer zu beantworten ohne den ewigen Disput zwischen Religion und Wissenschaft aufzugreifen. Die Frage nach gute und schlechte Eigenschaften und welche man aus dem genetischen Gut des Menschen entfernen sollte ist wohl noch schwerwiegender. Ich befinde mich nach der Lektüre mehr denn je in einem Dilemma. Zum einem finde ich es nachvollziehbar, dass werdende Eltern nicht nur das Geschlecht ihres Kindes wissen wollen, sondern auch deren eventuelle Behinderung. Verwerflich hingegen finde ich die Auswahl nach Geschlecht an sich, wie es in einigen asiatischen Kulturen bereits praktiziert wird. Es bleibt aber offen, wo hier die Grenzen sind. Ich werde an dieser Stelle keineswegs einen moralischen Kompass definieren, wie Meier lasse ich den Schluss offen und bin verwirrt. Die Zeichnungen sind so grotesk wie ihre Figuren. Übergroße Köpfe, klaustrophobische Handlungsorte und gruselige, schattendominierte Farbgebung prägen die 56 Seiten der fast verlagsvergriffenen Erstausgabe. Die Gestaltung der Hauptfigur und der Handlungsverlauf sind in sich nicht vollkommen schlüssig, denn der Fabrikbesucher durchlebt keine Steigerung, sondern hat eher stimmungshafte Anfälle, was eine Charakterentwicklung verdirbt. Ich möchte aber nicht mit einem bösen Wort enden. Die Geschichte hat mich gepackt, mein moralischer Kompass sucht seinen Fixpunkt und ich habe wieder etwas zum Nachdenken bekommen. Die Selbstreflexion kann beginnen.

Fazit
Beim nächsten Besuch studiere ich mal „Inferno“ genauer und überprüfe meine Kaufentscheidung.

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