Samstag, 23. Juli 2011

Chaplin Complete im Babylon

Ich gehe gerne und recht oft ins Kino, da ich davon überzeugt bin, dass gerade die Special Effects im Kino besser wirken als vor dem heimischen Fernseher. Gestern wurde ich überzeugt, dass nicht allein Effekte einen Kinogenuss ausmachen. Wir hatten das Vergnügen ein Live Orchester zur Untermalung des Charlie Chaplin Klassikers „Modern Times“ genießen zu können und wir waren begeistert.

Schon mit dem Betreten des Kinos waren wir in die richtige Stimmung versetzt. Im Berliner Babylon scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Wahrscheinlich findet asu genau diesem Grund gerade hier vom 15.07.2011 bis zum 07.08.2011 Das Stummfilm Live Festival Chaplin Complete statt. Es werden 80 Filme von Charlie Chaplin präsentiert und davon sind 10 Aufführungen mit einem Orchester. Wer also die Möglichkeit hat sollte die Chance eine Karte für die noch kommenden Aufführungen zu ergattern. Modern Times war ausverkauft und unsere überschüssige Karte fand im Foyer reissenden Absatz.
Wir waren überrascht über die Publikumsreaktionen. Immerhin ist dieser Film von 1936 und ich war bisher der Meinung, dass der heutige Konsument zu verwöhnt für den Stummfilm ist. Keine 3D Effekte, keine Computeranimationen und trotzdem reichte allein die Mimik und Gestik des Pantomimen Chaplin um das Publikum zum herzhaften Lachen anzuregen. Alle meine bisherigen Äußerungen zum heutigen Filmverständnis muss ich hiermit revidieren. Es gibt noch Menschen mit Filmgeschmack, welche wissen was Unterhaltung wirklich ist. Mit geringen Mitteln (aus heutiger Sicht) und einfacher Situationskomik ohne Sprache witzige und auch sozialkritische Themen zu verarbeiten ist Kunst und zeugt von Können. Selbstverständlich ist Modern Times nicht Chaplins bestes Werk, jedoch zeigt dieser Film viele Fassetten seines Verständnisses vom Filmemachen und auch seiner Einstellung zum Tonfilm.
Chaplin ist überrumpelt worden von der technischen Revolution im Filmbereich. Der Tonfilm hat Einzug in der Traumfabrik Hollywood gehalten und der Stummfilm hat ausgedient. Was macht die Ikone des Stummfilms? Er spielt mit dem Ton und lässt den Tramp trotzdem nicht sprechen. Eine Gesangseinlage besteht aus Kauderwelsch, weil es sich den Text nicht merken kann und ein Kaffeekränzchen besteht aus der Unterhaltung mittels Magengrummeln. Gekonnt nutzt er den Ton zur Untermalung für Szenen, welche Chaplin zu Stummfilmzeiten nicht hätte vermitteln können.
Im Anschluss an dieser Live Aufführung gab es für das Orchester verdientermaßen  tosenden Applaus, denn die Untermalung von Dirigenten Timothy Brock mit dem neuen Kammerorchester Potsdam war punktgenau und keineswegs überstrahlend. Die Musik ließ den Film wirken und drängte sich nicht in den Vordergrund. Allein die Eröffnung mittels Paukenschlag hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Wir waren bereit zu einem Doppelpack, also direkt hinterher noch Chaplins Spätwerk „Rampenlicht“. Für mich eine Premiere dieses Films und absolut konträr zu meinen Bild über Chaplin. Er hat sich mit dem Tonfilm abgefunden und in typischer Weise der 50er Jahre einen Film mit Dauerunterhaltungen geschaffen. Hier wird nahezu komplett über die Gespräche zwischen den Protagonisten die Geschichte dem Zuschauer vermittelt und gerade hier kann man wieder das Können Chaplins erkennen. Er inszeniert seinen eigenen Abgesang, das Begräbnis eines Stummfilmstars. Chaplin spielt den alternden Clown Calvero, der dem Alkohol verfallen keine Bühnenerfolge mehr feiert und nur noch als Ikone in der Unterhaltungsbranche betrachtet wird. Buchen will ihn keiner mehr und wird er doch mal gecastet geht das Publikum wutentbrannt. Er rettet seiner Nachbarin vor dem Selbstmord und hier beginnt eine außergewöhnliche Wechselbeziehung zwischen der jungen aber gebrechlichen Tänzerin und dem alten Pantomimen ohne Publikum. Wechselseitig bauen sie sich auf und verhelfen sich zurück auf die Bühne. Für mich war die Schlussszene von „Limelight“ das Highlight. Chaplin spielt mit Buster Keaton einen zeitlosen Gag und beide zeigen dem Publikum was Bühnenerfahrung und Talent auch ohne Sprache vermitteln können.    
Angeschlossen an dem Festival ist eine kleine Ausstellung im Oval zum Berlinbesuch von Chaplin und zu seinem Lebenswerk. Wenn man da ist sollte man sie anschauen, jedoch ist keine gesonderte Anreise wert.

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